Ein Freund, sein Name tut nichts zur Sache, auch wenn er mir vielleicht in Größe und Statue nicht unähnlich ist, ging neulich in die Bibliothek, um sich einen Band aus Reclams Reihe zur deutschen Literatur auszuleihen. Zugegeben, dieser Freund mag ein wenig geistig verwirrt gewesen sein, denn er war einem Gespenst auf der Spur, dass sich „DADA“ nennt. Er suchte das Literatur-Regal und fand schnell, was er suchte. Reclams Universal-Bibliothek, „Die deutsche Literatur in Text und Darstellung, Band 14, Expressionismus und Dadaismus“. Oh ja, er freute sich diesen Band in den unbeholfenen Patschern zu halten, um aus seiner laienhaften Forschung ein grundgefestigtes Halbwissen zu machen. Zu Hause angekommen, begleitete ihn das Bändchen selbstredend sofort mit zur Toilette, um das Vorwort zu studieren. Nachdem er sich über die extrem kurze Abhandlung diese Themas echauffiert hatte (wir sprechen hier von 24 in einem Band von 313 Seiten), stolperte er gegen Ende über einen Satz: „Der Dadaismus mag tot sein, aber er ist ständige Möglichkeit, dauerhafte und als Un-Form bis heute lebendige Kunstform.“
So. Diesen Satz bitte ich nun dreifach in den Mund zu nehmen, mit der Zunge hin- und wieder herzuschieben, wenn möglich zu zerkauen. Herunterschlucken würde ich ihn allerdings nicht.
Ich möchte mich gar nicht lang damit aufhalten, wie etwas tot und bis heute lebendig sein kann, denn es liegt mir fern die religiösen Anschauungen des Verfassers über Tod und Leben in Frage zu stellen. Ick wundre mia ledichlich. Insbesondere, wenn in den folgenden Sätzen eher die Unsterblichkeit von Tante Dada beschrieben wird.
Ich möchte auf den Toten eingehen, der starr und steif in seiner Kiste aus Thesen seiner eigenen, überholten Philosophie liegt und sich unsterblich langweilt. Ja, durchaus: Alle Kunst hat ihre Zeit aus der sie stammt, hat Väter und Mütter und Freunde und Feinde und wenn sich die äußeren Umstände ändern, kommt eines neuen Zeitgeistes Kind. Soweit gehe ich d’accord (erneute unzeitgemäße Formulierung, die dem vorher Gesagten zum Beispiel gereichen soll, ebenso wie diese in diesem unsäglichen, geklammerten Kommentar).
Doch vergleichen wir mal die Zeiten: Es kommt in ganz Europa zu kriegerischen Handlungen, ja, sogar weltweit. In den deutschsprachigen Landen ist man bislang von Bomben verschont, jedenfalls solchen aus Metall, von verbalen Knallern bis hin zu geistigen Flammenwerfern allerdings nicht. Es gibt einen großen Teil in der Bevölkerung, der noch immer unter einer furchtbaren Krankheit leidet, der kognitiven Dissoziation. Diese äußert sich erst relativ still in unverständlichem Nationalgebrabbel und führt dann schnell zu spontanen Entladungen von fanatischem (und immer öfter feurigem) Hurra- Patriotismus. Die Resistenz gegenüber gut gemeinten facebook- posts und engagierten Fernsehsendungen, war schon vor hundert Jahren vollständig ausgebildet.
Wie ergeht es nun jemandem, der hinzusehen bereit ist, sich den Gräueln der Gewalttaten zumindest aus der Ferne stellt, sich die Hetze anhört und aus Versehen schon einmal darüber nachgedacht hat, kurzum die Welt an allen Ecken in internationalen Konflikten brennen sieht und sich denkt: Das ist blanker Wahn! Und er sieht, was die Medien berichten, wie sorglos und schnell sich Worte finden, die eigentlich doch nur unschuldige Informationsträger sind, und zu Rohrbomben und Attentätern im eigenen Land gemacht werden. Die Ahnungslosen vergnügen sich bei belangloser Unterhaltung.
Nun, ich gebe zu, dass sich bei allein solch oberflächlicher Betrachtung keinerlei Parallelen zu heute ziehen lassen…oder? Nein, Moment! Ach, gucken sie selbst nach draußen.
Was Dada dem Expressionismus vorwarf, war der naive Wunsch, es würde sich etwas ändern. Denn: es ändert sich nur die Form, die jeweiligen Mittel, die Ausprägung. Aber der Mensch und seine Konflikte bleiben im Kern wie sie sind.
Also bleibt Dada, egal in welcher Ausrichtung, zwangsläufig unsterblich, als Keule, Kopfnuss, Flucht nach vorn, als Schere für alte Bärte, als Wecker, entlarvend, karikierend oder eigensinnig dokumentierend, als Spiegel für uns selbst und was wir mit uns machen, als Zustandsbeschreibung und Bauanleitung.
Dada bleibt und wird so lange leben, wie ein Mensch unzufrieden ist, Spaß haben möchte oder bereit ist, sich auf einen anderen Stuhl zu setzen.