Das Summen


 

 

 

Ich…ich weiß nicht. Das Wasser läuft. Der Spiegel ist beschlagen. Sie hat sich über der Badewanne die Haare gewaschen. Es riecht lauwarm. Und irgendwie nach Eisen. Die Fliegen surren. Sie surren und summen die ganze Zeit, ich geb es auf, ich kann sie nicht alle erwischen, es sind einfach zu viele. Wann war das? Gestern? Heute? Vorgestern? Ich weiß es nicht mehr und es ist auch egal. Wir lagen im Bett und durch die Jalousien streifte das Licht und da landete die erste Fliege auf ihrer Taille. Sie lag auf der Seite, mir abgewandt und das dünne Laken unter der sie bei der Wärme schlief, strich im Bogen über ihren Oberschenkel, weiter nach oben formte sich ihre schimmernde Haut in Celloform über den Futon.

 

Ihr dunkles Haar strudelte sich wild an ihrem langen Hals und ich wollte es nicht berühren. Ich fürchtete, ihre Natur zu zerstören.

 

Eine weitere Fliege landete auf meinem Arm und ich beobachtete sie genau. Sie schien auch mich zu fixieren. Sollte sie. Ich hätte ihr Leben mit einem Handstreich auslöschen können, doch warum hätte ich das tun sollen? Vielleicht wurde man selbst als mickrige Stubenfliege wiedergeboren und fände es ganz schön, so durch die Gegend zu fliegen und immer neue Zivilisationskrümel zu entdecken. Ich scheuchte sie weg, doch kam sie gleich wieder und hatte offenbar eine Freundin mitgebracht. Da wurde es mir dann doch unangenehm und ich versuchte die beiden wegzupusten, doch sie tanzten nur einmal eine Runde über den Nachttisch und als sie sich setzten, waren sie schon zu viert. Ich sah mich um und im ganzen Raum flogen immer mehr Fliegen und ich begann die Fenster zu öffnen und versuchte sie hinauszujagen. Jenny erwachte langsam und knurrte, was ich denn tue, es sei noch so früh. Ich sagte ihr, dass diese ganzen verdammten Fliegen hier raus müssten, sie drehte sich zu mir und schüttelte nur den Kopf, während ich wild fuchtelnd versuchte der Plage Herr zu werden.

 

Sie stand auf und ging ins Bad. Ich verstand nicht, wie sie so ruhig sein konnte, wo doch die Fliegen auch um sie herum tanzten. Das Surren wurde immer lauter und ich konnte es kaum noch ertragen. Keine Ahnung, wie es dazu gekommen war, aber ich sah nach draußen und alles hatte sich verdunkelt. Sie waren nicht nur hier im Zimmer, nein, die ganze Stadt schien davon betroffen und vor der Sonne zogen dunkle Schwärme vorbei. Ich schloss die Fenster sofort und fing an die Fliegen mit der zusammengerollten Fernsehzeitung zu erschlagen, doch es nützte kaum etwas. Sie begannen, mir in die Nase und die Ohren zu kriechen und überall flimmerten die kleinen Beinchen. Ich schlug mir an den Kopf, doch es waren so viele, dass es nur noch eines gab: Flucht!

 

Ich rannte aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter mir zu, doch auch hier waren sie schon. Ich stürzte ins Bad, verschloss es sofort und drehte mich um, als mich das blanke, eiskalte Entsetzen packte: Jenny hing wie leblos über der Wanne und ihr ganzer Körper war mit Fliegen übersät, eine nach der andere kroch aus ihren Körperöffnungen. Ich nahm ihren Kopf hoch. In den leeren Augenhöhlen wimmelte es. Ich musste es beenden. Mit beiden Händen schlug ich ihren Kopf auf den Wannenrand und es plockte laut, als zerschlüge man eine Kokosnuss. Ich riss die beiden Halbschalen auseinander und das Gehirn war übersät mit winzigen Fliegeneiern.

 

Ich weiß nicht, ob ich dann ausgerutscht bin oder was passiert ist.

 

Jetzt sitze ich jedenfalls hier und schaue mir meine blutigen Hände an.

 

Es ist auf einmal ganz still geworden. Keine Fliege zu sehen oder zu hören.

 

Es stinkt.

 

Ich schließe einfach nur die Augen.