Die Party


 

Als ich das Wohnzimmer betrat, musste ich erstmal über die stinkende Leiche steigen, die direkt im Weg lag. "Deine Mutter nervt.", sagte ich zu Tom, der sich grade mit dem Joint zurückgelehnt hatte. "Erzähl mir was neues.", hustete er.
"Krieg ich auch nen Zug?"
"Nee. Ist der Rest."
"Kann ich mir n Bier nehmen?"
"Nee. Ist die letzte Buddel."
Ich zündete mir ne Zigarette an.
Tom blickte auf: "Ey, hast Du auch eine für mich?"
Ich starrte ihn nur schräg an und ging dann in die Küche zu Nele.
"Wie gehts Dir so?"
"Mir ist langweilig."
"Sollen wir ins Schlafzimmer?"
"Das wäre genauso langweilig! Hier stehen wenigstens Gummibärchen. Vielleicht später."
Der Abend ging mir auf den Keks, gewaltig. Wusste gar nicht, warum ich hier war.
"Kann mir einer sagen, warum ich hier bin?", fragte ich laut.
Alle schüttelten den Kopf.
Da wusste ich es auf einmal. Nicht, warum ich her kam, sondern, dass ich sie nun alle der Reihe nach umbringen musste.
"Nele, darf ich Dir kurz die Kehle durchschneiden?"
"Dir ist schon klar, dass es dann aber heute keinen Sex mehr gibt, oder?"
Ich nickte. Sie zuckte mit den Schultern und meinte nur:
"Na dann, mach doch was Du willst."
Ich wühlte in der Küchenschublade nach einem geeigneten Werkzeug, fand aber nur einen alten Dosenöffner mit so einem Stichel vorne dran.
"Geht das auch?", fragte ich ein wenig verunsichert.
"Boah, so langsam gehst Du mir echt auf die Nerven, entweder du machst jetzt oder wir lassen das, dann geh ich nämlich nach Hause."
Ich wollte sie nicht noch mehr reizen und nahm den Dosenöffner und stieß ihr die Spitze direkt in die Halsschlagader, dass es nur so spritzte.
"Na siehst du, war doch gar nicht so schwer", blubberte es aus ihr heraus, während sie zu Boden sank.
Jetzt ging ich zu Tom ins Wohnzimmer, nachdem ich beinahe wirklich hingefallen wäre, als ich mit dem Schuh an seiner Mutter hängen blieb.
"Mann ey, räum mal auf!", schnauzte ich ihn an.
"Jetz bleib ma ganz gechillt, Kumpel."
"Nö. Ich werde Dich jetzt umbringen."
"Pfff...", pfiff er durch die Lippen. "Das wird nicht möglich sein, ich bin schon tot."
Ich erstarrte.
Jetzt erst fiel mir seine Gesichtsfarbe auf. Er hatte auch komische Flecken auf der Haut und als er die Sonnenbrille abnahm, sah ich in die beiden leeren Höhlen.
"Oh, ok. Dann will ich nichts gesagt haben, nichts für Ungut."
"Kein Problem, Alter. Ich vergesse auch manches."
"Wie kommst Du denn mit dem Tod klar?"
"W...Was? Ich? Ich bin nicht tot!"
"Doch, klar bist Du das! Also noch nicht jetzt, aber gleich, wenn Du aus dem Fenster springst. Wir sind hier im vierten Stock und unten ist ne gut befahrene Straße."
"Warum sollte ich das tun?"
"Weil Du es schon immer getan hast, jedes gottverdammte Mal in dieser Situation. Du hast Dich jedesmal dafür entschieden."
"Wie...jedes Mal?"
"Naja, wir sind hier in einer Schleife, weil, ach was weiß ich warum, aber eins weiß ich: Am Ende springst Du immer."
Ich setzte mich und nahm mir noch ne Zigarette und gab Tom auch eine.
"Nee, lass mal, ich glaub ich hör auf mit dem Scheiß", lehnte er ab.
Dann kamen die Leute der Party aus den Räumen und den Schränken: Sie waren allesamt bleich und hatten einen grünlichen Schimmer im Gesicht.
Und Nele war auch da. Sie rieb sich den Hals und sah mich gelangweilt an. Alle anderen blickten mehr oder weniger erwartungsvoll auf mich und Tom. Ich konnte nicht sitzen bleiben und stellte mich in die Ecke des Raumes, die den glotzenden Toten gegenüberlag.
"Was wollt ihr alle von mir?", fragte ich in den Raum. Keine Antwort.
"Verdammt, was ihr von mir wollt!"
Jetzt rührte sich Tom.
"Nun, Du hast jeden dort vorne getötet."
"Quatsch, das hab ich nicht!", schrie ich ihn an.
"Warum so gereizt?", grinste er, während er sich eine Fluppe aus meiner Schachtel fingerte, "Ich darf doch, oder?"
"Ich frag noch einmal...was ist hier los?", knurrte ich.
"Sonst was? Bringst Du uns sonst um? Das hast Du doch schon...erinnerst Du Dich nicht? Schon als Kind warst Du von Bestattungen fasziniert, seitdem Du auf der Beerdigung von Opa Georg warst. Die gefiel das Feierliche, die Stimmung von traurigem Frieden. Du begannst dann Käfer, Spinnen und Fliegen zu bestatten, machtest ihnen kleine Särge aus Streichholzschachteln, die Du mit Watte auspolstertest. Dann waren Mäuse, Katzen und dann Hunde an der Reihe. Aber damit Du sie bestatten konntest, musstest Du sie erst töten, nicht wahr? Hast viel über Chemie gelernt, als Du begannst Dich mit Schädlingsbekämpfungsmitteln auseinanderzusetzen. Und irgendwann, ja, irgendwann, hattest Du die Schnauze voll von Tieren. Du wolltest es richtig machen. Das Gefühl sollte da sein. Klar, jeder freut sich, wenn er sich einen Traum erfüllen kann. Jonas?"
Ein kleiner Junge wühlte sich zwischen den Beinen der Stehenden hindurch.
"Das ist Jonas. Erinnerst Du Dich an ihn?"
Ich schüttelte fassungslos den Kopf.
"Nun er sich an Dich umso besser. Er war grade auf dem Weg vom Kindergarten auf dem Weg nach Hause, als ihn etwas Furchtbares traf: Du!"
"Was soll das? Warum erzählst Du so einen Müll? Sowas hab ich nie getan!"
"Sieh, wie klein er ist...wirkt selbst noch im Tode hilflos, was meinst Du, hm? Seine Mutter musste Überstunden schieben und konnte ihn nicht rechtzeitig abholen. Frau Kalten vom Kindergarten wollte ihn nach Hause fahren, aber er lehnte ab, weil ihm seine Mutter gesagt hatte, er solle bei NIEMANDEM ins Auto steigen, das wäre zu gefährlich, das würden nur böse Menschen anbieten. Aber Du hast Dich ja um ihn gekümmert. Kannst Du es noch fühlen...Deinen Erstling? Das war aufregend, nicht? Du hattest ein Messer dabei und hattest es Dir alles so einfach vorgestellt, schließlich muss die Spitze ja nur in den anderen irgendwie rein und das war es schon: Bestattungsfertig! Aber so war es nicht. Der Junge zappelte in Deinen Armen, wollte schreien und trat und schlug. Du hast ihn gewürgt, damit er still ist. Und das hat viel länger gedauert, als Du dachtest. So schnell stirbt es sich nicht. Das Krächzen, das Gurgeln, das zuckende Vibrieren unter Deinen Händen. Und Du hattest Angst, dass Dir die Kraft ausgehen würde, bevor er aufhörte sich zu wehren, das er wegliefe und es allen erzählte, was Du für ein krankes Arschloch bist. Plopp, das wäre das Ende der Traumblase gewesen. Aber so lief es ja nicht ab, zu aller Anwesenden Pech."
Mir wurde schwindlig und ich lehnte mich an die Wand. Ich hatte das Gefühl in Treibsand zu versinken.
"Die Zeremonie lief dann auch nicht so ab, wie Du dachtest. Du warst noch viel zu nervös. Ein richtiger Mörder muss sich ja auch erst entwickeln. Bei Jessica warst Du dann ja schon viel ruhiger und die Totenfeier selbst rückte endlich weiter in den Mittelpunkt.
Verstehe ich ja: Es ging Dir um Erlösung. Erlösung von all dem Schmerz, der Pein des Lebens. Du hast es nie leicht gehabt und das normale Leben erschien Dir als eine dauernde Tortur. Deine prügelnden Eltern, die Hänseleien in der Schule, der Frust mit den Mädchen...Klar, das muss man auch erst einmal verkraften. Und als Du Deinen Opa gesehen hast, wie er zufrieden und entspannt da lag, da kann man schon mal auf so einen Gedanken kommen. Doch Du hast den falschen Schluss gezogen. Es war nicht der Frieden der anderen, der konnte DIR keinen Frieden geben. Du hast Dich im Grunde von Beginn an nach Deinem eigenen Tod gesehnt."
Mir liefen die Tränen herab. Ich sank in der Ecke in mich zusammen und murmelte nur:
"Seht mich nicht an."
Und dann schrie ich: "Ihr sollt mich nicht ansehen! Verschwindet alle! Lasst mich endlich in Ruhe! Ich hab das nicht gemacht! Ich würde das niemals tun!"
Aber alle starrten mich nur an. Der kleine Jonas blickte zu Boden.
"Hört endlich auf damit!" Ich schrie sie aus Leibeskräften an und sabberte vor Heulen und mein Schreien wurde zum Krächzen. Ich hielt es nicht mehr aus und ging zum Fenster und öffnete es, stieg auf die Fensterbank und blickte unten auf den rasenden Verkehr.
"Ich werde das nicht tun! Ich werde nicht springen! Diese Genugtuung habt ihr nicht verdient! Ihr seid Monster! Grausame Monster!"
Ich drehte mich wieder zum Fenster heraus.
Und ließ den Rahmen los.
Ich taumelte wie in Zeitlupe herunter, Stockwerk für Stockwerk. Gegenüber stand eine alte Frau am Fenster. Ich glaube, sie wollte mir etwas zurufen.
Aufprall, dunkel, Schluss.

Tom stand auf und klatschte antreibend in die Hände.
"Okay, wessen Geschichte hab ich noch nicht erzählt? Henk, dann bist Du jetzt dran. Ich glaube, dann waren es noch sechs andere, oder? Gut. Ihr wisst, das dauert nicht lange, bis er ins Licht geht und hier wieder auftaucht. Ich hab bei ihm zwar nicht viel Hoffnung, aber vielleicht begreift er es ja in einem Durchgang, ansonsten wird das hier noch ein bisschen dauern. Aber das scheint ja für Euch soweit ok zu sein." Alle nickten.
"Auf jeden Fall!", lachte Friederike.