Ins Rudern kommen


Wir saßen beide in einem Boot. In einem kleinen Moment der Schwäche, wohl auch aus Unachtsamkeit hatten wir uns, nicht grade freundlich, auseinandergesetzt. Danach
spazierten wir auf dem steinigen Weg durch den Schlosspark, als sich eine Flunkerei und eine Halbwahrheit von hinten zwischen uns drängten.
Wir waren ganz konsterniert, angesichts dieser Rüpelei, denn die Flunkerei und die Halbwahrheit beachteten uns kaum. Sie waren in ein Liebesspiel vertieft und rieben sich zärtlich aneinander. Schamhaft wandten wir uns ab. Der Anblick war nicht zu ertragen, wie die beiden immer wieder umeinander herumschawenzelten, sich kieksend gegenseitig neckten.
Ohne ein Wort verstanden wir uns und ignorierten die Beiden, hofften, sie würden irgendwann ermüden und uns wieder in Ruhe und Frieden lassen. Doch weit gefehlt! Unsere Ignoranz schien die beiden noch anzuspornen. Sie hatten gar nicht vor uns ziehen zu lassen.

Am Abend saßen wir dann zu viert auf dem Sofa. Man kann sich vorstellen, wie ungemütlich es war, denn die beiden ließen keine Ruhe. Sie küssten sich innig und schlangen sich umeinander. Wenn sie einem von uns dabei mit dem Ellenbogen in die Seite stießen oder einen stinkenden Fuß unter die Nase streckten, schien es die beiden umso mehr zu erregen.

Sie blieben. Nachts im Bett war es nicht mehr auszuhalten. Das Stöhnen und Ächzen raubte den Schlaf, den sie offenbar nicht brauchten. Sie genügten sich selbst. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Flunkerei irgendwann schwanger ging. Und als die Lüge dann auf der Welt war, war es noch enger in unserer kleinen Wohnung.

Jetzt, wo sie zu dritt waren, brauchten sie nicht nur viel mehr Platz, sondern nahmen auch immer mehr Vorräte in Anspruch. Wir schliefen mittlerweile getrennt. Die Unruhe ließ uns beide nur hin- und herwälzen und so kam man nebeneinander eh nicht mehr zum Schlafen. Die Lüge saß zumeist mitten in der Wohnung und spielte mit ihren Eltern. Sie wuchs und gedieh prächtig in einem Maße, in dem es uns immer schlechter ging. Je fahler und müder wir umher schlichen, umso rotwangiger und lebenslustiger tollte sie durch die Zimmer.
Wie es bei Heranwachsenden so ist, ging vieles zu Bruch. Tassen und Gläser zersprangen in tausend spitze Scherben, Bilderrahmen bekamen Risse, bis sie knackend zerbrachen und wir waren so erschöpft, dass sich der Abwasch türmte, der Schimmel sich von der Dusche her ausbreitete und es einen großen Berg schmutziger Wäsche gab. Wir vermüllten in unseren eigenen vier Wänden. Nicht lange, bis das Ungeziefer sich seinen Unterschlupf suchte und sich von unseren Resten ernährte. Es stank zum Himmel und uns tränten die Augen. Unser früheres zu Hause konnten wir nicht mehr betreten, ohne dass uns der Atem stockte. Wir schlichen zwischen den Scherben umher, um nur keinen Laut zu machen. Jeder Versuch in einer Ecke aufzuräumen schien sinnlos. In einer anderen Ecke sammelte sich wieder Neues. Wer würde als erstes aufgeben und die Wohnung verlassen?

Die Lüge war mittlerweile groß geworden. Fett und faul saß sie vor dem Fernseher und ließ sich bedienen und umsorgen. Es war nicht mehr genug Platz für uns alle. Jahre waren ins Land gegangen und hatten uns graue Haare da gelassen. Es schmerzte uns bei jeder Bewegung. Die Herzen waren müde geworden.

Da ging es langsam auf Weihnachten zu, als wir uns, nach all der Zeit, noch einmal zusammensetzten. Wir sahen uns in die Augen und beschlossen noch einmal dorthin zurückzukehren, zu diesem Tag im Juli, ließen uns zum Wasser fahren und stiegen noch einmal gemeinsam in das Boot. Jeder von uns fing an zu rudern, wir waren zunächst taktlos und fuhren im Kreis. Die Flunkerei, die Halbwahrheit und die fette Lüge waren uns selbstverständlich auch hierhin gefolgt. Dann kam auf einmal erst ein lautes Grummeln und dann ein schallendes Donnern aus dem Bauch und die Lüge platzte.
Wir erschraken und blickten angeschmiert zu Boden.
Flunkerei und Halbwahrheit waren auf und davon.
Da nahmen wir beide die Ruder wieder in die Hand, zogen gemeinsam und landeten an. Es war Zeit nach Haus zu gehen und aufzuräumen.