Sonntag


Paulsen.
Hansen.
Nielsen.
Die Wolken rasen über mich hinweg.
Bei dem Gedanken, sie stünden still und die Erde drehte sich, wird mir übel.
Die Luft ist warm und schwer. Die Hand des Windes streicht und zieht immer wieder an den biegsamen Ausläufern der Baumstämme, erregte Böen, die in Wogen die Äste weich, aber bestimmt umrühren.
Petersen, Friedrichsen, Fischer.
Die gefallenen Blätter, die sich nicht mehr halten konnten, hüpfen zischelnd zwischen Steinen und Zypressen umher, tollen zwischen Buchs- und Lebensbäumchen und verhaspeln sich am Kirschlorbeer.
Eine Eberesche steht an eine unsichtbare Wand gelehnt, gekrümmt, als warte sie schon sehr lange auf etwas oder jemanden.
Es regnet immer wieder, die Erde ist weich und satt.

Wipper, Mrzowski und Beyer liest man zwischen Callesen, Lorenzen und Michaelsen.
-sen.
Hinrichsen.
Hinrichs Sohn.
Jeder hier stammt von jemandem ab. Jeder findet hier auf eine bezahlte Zeit seine Parzelle.
Steine, so weit das Auge blickt.
Marmor grob, Marmor geschliffen, Natursteine mit grüner, lebendiger Patina. Verfallende Reliefs von Namen.
Gut, dass hier überall Bänke sind. Ich gehe viel zu selten auf den Friedhof. Man findet wohl keine gepflegtere Gartenanlage hier am Ort. Überall blüht es noch zwischen den Kreuzen und Stelen, an die sich Engel lehnen.
Ich mag, was die gelbrotbraunen Blätter tun:
Sie bedecken in ihrer Vergänglichkeit diesen vergänglichen Ort, den wir Vergängliche den Vergangenen errichtet haben.

Die Schilder an der Straße vor dem Friedhof geben Auskunft:
Einbahnstraße. Darunter:
Keine Wendemöglichkeit. Daneben: eingeschränktes Halteverbot.
Hier ist alles geregelt. Was man hier toleriert, ist das fröhliche und manchmal aufgeregte Erzählen und Warnen der Spatzen und Amseln. Sie haben ihre eigenen Ruhezeiten.

Strehlow, Albertsen, Möhlmann.
Luft neben Wagner.
Navardanskas neben Cornils.
Waren sie früher auch friedliche Nachbarn?

Vor mir wird es jetzt einsilbig: Butsch, Kühn, Mundt.
Ein paar Jahre zuvor sah ich in Kiel einen großen Reisetourer am Hintereingang des Kriegsgräberfriedhofs halten. Alte Frauen stiegen aus. Der Fahrer reichte ihnen aus dem Unterbauch des Busses das Gepäck an. Die Herde taperte in herbstlichen Beigenuancen mit Rollkoffern auf das Gelände und ich war versucht zu sagen:
Meine Damen! Sie brauchen kein Gepäck mitzunehmen!
Ich verkniff es mir aber.

Die Wolken werden dunkler und es beginnt zu nieseln. Meine Jacke ist klamm. Ich gehe noch an Schweimer, Bieritz und Suhrbier vorbei, an Fahrun, Denk und Nachtigall, Dürers betenden Händen und versteckten Gießkannen.
Dann: Ein frischer Hügel! Hier ist die Krume noch grob, trotz des Regens. Neue fallen immer auf. Der Stein ist noch nicht gesetzt. Ein Blumenwall.
Wer liegt darunter? Wie soll ich es wissen, ohne Stein?
Ich denke, dass man in solchen Fällen zumindest ein provisorisches Schild aufstellen sollte.
Ich folge den Spurrillen im Gras und stehe direkt vor der aufgeworfenen Erde.
Sonnenblumen zwischen den Rosen. Schleierkraut. Zinnien. Herbstfarben in dunkelgrünem Aufbund.
Kein Name.
Keine Lebensdaten.
Ich fahre mir mit der Hand immer wieder über Stirn und Mund.
Es sehe aber die Vornamen der Angehörigen auf den durchnässten Trauerbändern und lese sie.
Die meisten kommen mir nicht bekannt vor.
Ich atme auf und gehe. Der Tag ist noch nicht vorbei, ich kann noch jemanden anrufen.