Tiere darf man nicht vermenschlichen


 

Fips war im Herzen ein heimatloser Streuner.
Ich war vielleicht fünf Jahre alt, als meine Mutter mit mir zu ihrem aktuellen Freund fuhr, mit dem Fips zusammen wohnte. Der kaufte nicht regelmäßig Dosen mit Hühnchen oder Rind, es gab auch keine Kauknochen. Fips wurde regelmäßig zum Grasen nach draußen geschickt.
Ich liebte es, mit ihm nach draußen zu gehen, wenn die beiden alleine sein wollten. Wir liefen um die Wette über seinen grün gedeckten Tisch und tollten zwischen den Bäumen umher, an deren gestutzten Ästen saure, harte Äpfel braune Stellen ausbildeten. Der weiß gescheckte Mischling war mir, dem „Mops“, wie mich meine Mutter nannte, deutlich an Wendigkeit und Beschleunigung überlegen. Ich beneidete Fips um sein rotes Halstuch, auf dem kleine weiße Blümchen blühten.
Fips erbrach sich oft. Und wenn sein Herr nicht rechtzeitig mit ihm nach draußen ging, konnte er seinen Durchfall nicht mehr halten. In diesen Fällen ergriff der Freund Fips am Halstuch und schlug ihn, dass er jaulte und drückte seinen Kopf in den Kot, damit er es nicht wieder täte.
Ich kannte das. Meine Mutter machte es mit mir genauso, wenn ich einen Bremsstreifen in der Unterhose hatte.
Fips und ich waren Freunde.
Kam ihm, oder uns, ein Erwachsener zu nahe, knurrte er sofort und schoss sein erschreckendstes Bellen heraus. Gern legte er sich zu mir und rollte sich wie eine Katze ein, während sein Kopf auf meinem Oberschenkel wachte. Ich streichelte ihm dann über die Seite und fühlte seine Rippen, die sich in Wellen hoben und senkten. Wie beruhigend!
Als wir eines Tages wieder bei ihm waren, war Fips nicht mehr da. Er sei krank und aggressiv gewesen und hätte deswegen eingeschläfert werden müssen, erklärte mir der Freund. Ich verstand nur, dass Fips nun nicht mehr da war und mir rollte tröpfchenweise der Glanz aus den Augen. Dafür würden wir aber mit dem Auto zur besten Eisdiele der Gegend fahren.
Sie befand sich direkt an der Straße und der Freund lenkte den Wagen auf den Parkplatz dahinter und stellte ihn gegenüber der grauen Mauer auf einer abfallenden Schräge rückwärts ab und zog die Handbremse. Ich wollte kein Eis und die beiden gingen alleine hinein.
Es war heiß und die Sonne drückte mit Kraft auf das Dach und schlüpfte durch den kleinen Spalt über der Scheibe. Ich krabbelte nach einer Zeit auf den Fahrersitz, denn ich war überzeugt, ein guter Autofahrer zu sein, nur das Lenkrad ließ sich nicht bewegen. Ich hatte jedoch gut aufgepasst und wusste, wie man die Handbremse löste. Es kostete mich all meine Kraft, doch ich brachte es fertig und der Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Nun ließ sich auch das Lenkrad ein wenig drehen. Ich konnte nicht darüber schauen, hatte mir aber ungefähr gemerkt, wo die Ausfahrt war und versuchte mich am Dach der kleinen Eisdiele zu orientieren. Auf einmal schrieen Leute los und meine Mutter und ihr Freund kamen angerannt und hielten den Wagen auf, bevor er gegen die Mauer rollte.
Von da an durfte ich nicht mehr mit, doch das war auch nicht schlimm. Ich hatte im Kleingarten eines älteren Herrn Rasen gemäht und dafür jedes Mal eine Mark bekommen. Er nannte mich immer „Kleiner Sonnyboy“. Dafür kaufte ich mir ein rotes Tuch, das ich nun immer um den Hals trug. Kam mir einer der Klassenkameraden oder meine Mutter zu nahe, knurrte ich fortan. Als ich mir eine kleine, silberne Aluminiumschüssel mit Wasser auf den Boden stellte und anfing daraus mit der Zunge zu schlecken, sagte meine Mutter nur: Jetzt spinnst Du wohl völlig, Du bist kein Hund!
Sie warf die Schüsseln weg.
Und ich spielte ihr dann vor, ein Junge zu sein.
Übernachtete ich bei meiner Großmutter oder meiner Tante, deckten sie mir, wenn auch ein wenig verwundert, in der Küche: Eine Wasserschüssel auf einem Handtuch und Leberwurstbrot, das sie klein geschnitten auf einem Tellerchen daneben servierten.
Und dafür war ich dankbar.